Eine Ausnahmestimme, eine selbstbewusste und reflektierte Künstlerin, die ihre eigenen Songs und Texte schreibt, wunderbar Klavier spielen kann, ihre Platte co-produziert und auch ansonsten die Zügel lieber in der Hand behält. Genau solch eine tolle Entdeckung kann man jetzt in der deutschen Poplandschaft machen: Debby Smith.

Mit ihrer EP „Peace of Mind“ legt die junge Hamburgerin ein erstaunlich reifes Debüt vor. Darauf versammeln sich fünf gefühlsbetonte Pophymnen, die zwischen Intimität und großer Geste changieren und deren R’n’B-Einschlag ebenso deutlich wird wie der weite musikalische Horizont ihrer Autorin. Es ist die aufrichtige Introspektive einer nachdenklichen Künstlerin, die keine Angst vor Pathos hat. Sie führt ihre Hörerinnen und Hörer über einen ereignisreichen Parkour aus Pop, R’nB, Soul und HipHop und befördert dessen gesammelte Stilmittel der letzten 30 Jahre gekonnt ins Heute.      

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In der Produktion ihrer EP setzt sie auf satten Groove und HipHop-Beats als auch verschiedenste Retroelemente, die sie gemeinsam mit dem Hamburger Produzenten Monti um ihre Stimme und ihr Klavierspiel drappiert. Sie paraphrasiert „Adlibs“ mit Leichtigkeit und einem Augenzwinkern, lässt 80er-Jahre-Synthies durch den Song „O Heaven“ oszillieren und feiert ihre Einflüsse mit fein gesetzten 90er-Jahre-R’n’B-Reminiszenzen. Debby Smith zeigt uns, was Pop im besten Falle sein kann: eine feinsinnige Auseinandersetzung mit unserem kulturellen Jetzt, die gefallen darf, vom Hocker reißen kann, und sein Publikum gerne auch ein bisschen schütteln und erschüttern soll.

 

„Art should comfort the disturbed, and should disturb the comfortable“, lautet ein Ausspruch, der dem mexikanischen Dichter und Menschenrechtskämpfer Cesar A. Cruz zugesprochen wird und den Debby Smith zum Motto ihres künstlerischen Schaffens erkoren hat. So vergisst sie auch nicht, ihre Hörerinnen und Hörer nach der emotionalen Urgewalt, die ihre Songs und ihre Stimme (!) in einem auslösen können, sanft und zuversichtlich wieder einzufangen. Mit leisen, tröstlichen Tönen und in den dazugehörigen Bildwelten, die uns - in transformierter Form - ein Stück Pop-Kindheit der 90er und 2000er Jahre zurückbringen. Denn mal ehrlich, wer wird nicht nostalgisch, wenn er an verregnete Nachmittage vor dem Musikfernsehen von MTV oder VIVA zurückdenkt?

 

Wobei man sich nicht vorstellen kann, dass Debby Smith in ihrem bisherigen Leben besonders viel Zeit vor der Glotze verbracht hat. Sie wird in Hamburg geboren, als fünftes von sechs Kindern. Bedingt durch den Job des Vaters, zieht die Familie oft um. Fünfmal insgesamt quer durch Deutschland. Alle ihre Geschwister lernen ein Instrument und so bekommt die kleine Debby mit sechs Jahren Klavierunterricht. Zu Weihnachten gibt’s, statt des ersehnten echten Klaviers, ein kleines Yamaha Plastikkeyboard, Die Freude ist dennoch riesengroß. Musik ist da schon längst nicht mehr wegzudenken aus Debby Smith’s Leben. „Das erste Album, das ich wirklich bewusst rauf und runter gehört habe, war „Songs in A Minor“ von Alicia Keys“, erinnert sie sich. „Ich war ungefähr elf Jahre alt und habe die CD täglich mit meinem pinken Discman auf dem Weg zur Schule gehört. Wie verliebt ich in sie war! Ab dem Moment wollte ich lernen, wie man sich selbst am Klavier begleitet. Gesungen hatte ich immer schon, ohne drüber nachzudenken. Damals dachte ich auch noch, dass alle Menschen schön singen können, ist doch klar!“ Als sie zwölf Jahre alt ist, beginnt sie bereits, eigene Songs zu schreiben und singt als Solistin im Gospelchor. Den Klavierunterricht verdient sie sich schon bald darauf selbst - mit Putzjobs. Nicht gerade die Komfortzone eines Teenagers. Als 17-Jährige erhält sie dann ein Angebot von dem viele träumen: einen Plattenvertrag mit einem großen Label. Doch sie lehnt ab. Das kann es nicht sein. Aber was dann?

 

Nach dem Abitur sucht sie die Antworten auf ihre sinnsuchenden Fragen in der weiten Welt, unternimmt gut ein Jahr lang Reisen nach Vietnam und Australien. Anschließend beginnt sie ein Studium an der Hochschule für Musik in Hamburg. Eine persönlich und künstlerisch heraus-fordernde Zeit, wie sie selbst rückblickend sagt. „Ich denke, viele Menschen kennen dieses Gefühl, nie richtig anzukommen, nie gut genug zu sein, Angst vor dem Versagen zu haben. Ich habe auch oft damit zu kämpfen, Dinge so zu nehmen wie sie sind und innerlich ruhig zu sein, gelassen zu sein. Gerade in dieser sich schnell verändernden, rauen Welt hat man doch oft das Gefühl, nicht mithalten zu können, hat Angst davor, sich verletzbar zu machen.“

 

Wenn sie uns wie in „How many miles" eine ganz und gar pure Coming-of-Age-Geschichte erzählt, klingt das absolut aufrichtig. Nichts zu verstecken, nichts zu beschönigen. Der eigenen Nachdenklichkeit und Melancholie Raum geben. Innehalten, wenn alles um einen herum immer lauter und schneller wird. Und dann dürfen es ganz selbstbewusst auch die großen Gesten des Songwriting sein. Das ist der angenehme Kontrast in dem sich die Musik von Debby Smith hin und her bewegt. Unter allem scheint deutlich das Wissen der Interpretin durch, dass es unzähligen anderen vermutlich ganz ähnlich ergangen sein wird und die als absolut individuell wahrgenommene Erfahrung eben doch eine große Allgemeingültigkeit haben kann.

 

Für das Video zur Debütsingle „Something Special“ nimmt Debby Smith ihre Hörerinnen und Hörer mit nach Los Angeles. Genauer nach Hollywood, dem Inbegriff des schönen Scheins. Der Traumfabrik, die unsere Erwartungshaltung an Liebesbeziehungen maßgeblich mitgeprägt hat. Doch anstatt sich in Pop-Platitüden zu verfangen und anschließend die perfekte, schön zurechtgeschnittene Hochglanz-Bilderwelt abzuliefern, entscheidet sie sich für den Weg des größten Risikos; für einen Onetake shot ohne doppelten Boden und auf die Gefahr hin, dass jeden Moment etwas schief gehen kann und man von vorne beginnen muss. Der Clip kommt in angesagter Farbästhetik daher, selbstsicher tänzelt Debby Smith entlang der schicken Häuser in Beverly Hills, das man ihr als ihre Hood sofort abkaufen würde, singt: „…it ain’t easy nowadays to believe in fairy tales, I mean, look around and you will see broken hearts, broken dreams, still I want the real kind of love?“  Doch in der nächsten Sekunde verschwindet die Protagonistin plötzlich aus dem Bild, kommt ZuschauerInnen und Inszenierung einfach abhanden. Und kaum wieder aufgetaucht, verzerren überlagerte VHS-Störungen das Bild. Die Fassade der Traumwelt, sie bröckelt gewaltig. „I want something special“. Doch Zweifel regen sich im Publikum: ausgerechnet hier sucht sie nach Authentizität, etwas „echtem“ oder gar „true love“? Ob sie schließlich fündig geworden ist, bleibt im Video offen, so als hätte sie mit dem Aufkommen der Frage schon alles Gewünschte erreicht.

 

Am Ende der EP steht der Song „Unshakable“, der sich den, für echte Pophymnen nötigen Pathos einfach traut - und hält was er verspricht. Er verzaubert Hörerinnen und Hörer mit einem monumentalen, unweigerlich an Hans Zimmers Filmmusik erinnernden, Orchester. Es fühlt sich dann an, wie im Kino weinen, wenn man das Gefühl hatte, für einen kurzen Moment einen Blick auf das ewig Schöne und Wahre zu erhaschen, das da offenbar irgendwo still und heimlich ungetrübt vor sich hin existiert und von dem man nun hofft, noch möglichst viel davon mit nach Hause nehmen zu können. 

 

Peace of mind" darf wohl auch als sanfte Ermutigung verstanden werden. Wer es schafft, dem inneren Chaos ein herzliches „Hallo, das bist du ja wieder!“ entgegenzurufen, Perfektionismus und die Angst vor dem Versagen über Bord zu werfen und den eigenen Entwicklungsprozess wohlwollend zu beobachten, der wird schnell sein eigenes Heilmittel gegen den täglichen Überfluss vermeintlicher Wahrheiten, Selbstoptimierungswahn und andere Downer gefunden haben. Einfach zurückfallen lassen in die Musik. Tanzbarer Seelenfrieden. Mehr geht nicht.

 

(Nanne Spielmann)

  


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